Die GRÜNEN und die Kreuzfahrt

2021 wählt Deutschland. Die GRÜNEN treten erstmals mit einer Kanzlerkandidatin an und sind die einzige Partei, die im Wahlprogramm explizit die Kreuzfahrt erwähnt: „Keine Zukunft“ habe diese Urlaubsform. Crucero sprach dazu mit Claudia Müller, Sprecherin für maritime Wirtschaft der Grünen im Bundestag.

CRUCERO: Wor­auf müs­sen sich Kreuz­fahrt-Ree­de­rei­en ein­stel­len, falls die GRÜNEN an der zukünf­ti­gen Regie­rung betei­ligt oder die­se gar füh­ren werden?

CLAUDIA MÜLLER: Die Wei­ter­ent­wick­lung neu­er Antriebs­tech­no­lo­gien muss fort­ge­setzt wer­den. Der Immis­si­ons­schutz, der ja nicht nur Abgas­emis­sio­nen umfasst, son­dern auch Lärm und ande­re Stör­fak­to­ren, könn­te aus­ge­wei­tet wer­den.
Ein­schrän­kun­gen, wie sie jetzt schon für Nord- und Ost­see gel­ten, könn­ten in Zukunft auch für das Mit­tel­meer for­mu­liert wer­den. Die Kreuz­fahrt muss wie­der einen gemä­ßig­te­ren Rah­men fin­den und die Ree­de­rei­en müs­sen Ver­ant­wor­tung für die zukünf­ti­ge Ent­wick­lung der Bran­che über­neh­men.
Das kann aber nur gelin­gen, wenn die Kreuz­fahrt-Bran­che bestehen und Motor von Inno­va­tio­nen bleibt. Mit den bei­den gro­ßen deut­schen Ree­de­rei­en und den Ver­bän­den der Kreuz­schiff­fahrt ste­he ich seit Jah­ren in regel­mä­ßi­gem Austausch.

CRUCERO: Das klingt deut­lich dif­fe­ren­zier­ter als im Wahl­pro­gramm der GRÜNEN. Da steht: „Ein öko­lo­gi­scher und sozi­al blin­der Mas­sen­tou­ris­mus mit kli­ma­schäd­li­chen Kreuz­fahrt­schif­fen, end­lo­ser Müll­pro­duk­ti­on und rie­si­gem Res­sour­cen­ver­brauch hat kei­ne Zukunft.“ — Ver­mut­lich wür­den die meis­ten Kreuz­fah­rer sogar sagen: „Das stimmt!“.

CLAUDIA MÜLLER: Ich bin nicht sehr glück­lich über die­se For­mu­lie­rung im Wahl­pro­gramm. Glau­be aber auch, dass hier ins­be­son­de­re auch Kreuz­fah­rer zustim­men könn­ten. Wir wol­len den Kreuz­fahrt­tou­ris­mus nicht ver­bie­ten. Rich­tig ist aber auch, dass wir zukunfts­fä­hi­ge Lösun­gen für die Bran­che fin­den müssen.

Claudia
Müller

ist seit 2017 Mit­glied der Bun­des­tags­frak­ti­on Bünd­nis 90/Die Grü­nen und unter ande­rem Spre­che­rin für mari­ti­me Wirt­schaft. Zur Bun­des­tags­wahl 2021 ist Clau­dia Mül­ler Spit­zen­kan­di­da­tin der Lan­des­lis­te von Bünd­nis 90/Die Grü­nen in Mecklenburg-Vorpommern.

CRUCERO: Wel­che For­de­run­gen haben Sie an Kreuz­fahrt­un­ter­neh­men?

CLAUDIA MÜLLER: Kreuz­fahr­ten müs­sen nach­hal­ti­ger wer­den, bei Emis­sio­nen, bei den Besu­chen in Desti­na­tio­nen und auch im Umgang mit Ange­stell­ten an Bord. Neue Stan­dards für die Kreuz­fahrt las­sen sich dabei durch staat­li­che Stel­len und regu­la­to­ri­sche Maß­nah­men umset­zen.
Hafen­be­hör­den kön­nen unter ande­rem die Nut­zung von Land­strom durch redu­zier­te Lie­ge­ge­büh­ren attrak­ti­ver machen, aber auch eine maxi­ma­le Anzahl von Pas­sa­gie­ren vor­ge­ben, die mit dem Schiff anrei­sen. Etwa so, wie es zuvor Vene­dig ver­sucht hat, um die Grö­ße und Anzahl an Kreuz­fahrt­schif­fen zu redu­zie­ren, die in die Lagu­ne fah­ren.
Auch der CO2-Aus­stoß könn­te in Zukunft für die Schiff­fahrt mit Abga­ben belas­tet wer­den. Dazu müs­sen wir uns aber euro­pa­weit abstim­men. In einem wei­te­ren Schritt könn­ten dann Ver­ein­ba­run­gen auch mit den Ver­ei­nig­ten Staa­ten fol­gen.

CRUCERO: Sie könn­ten sich also zukünf­tig eine Begren­zung der Pas­sa­gier­zahl pro Schiff vor­stel­len?

CLAUDIA MÜLLER: Im ver­gan­ge­nen Jahr habe ich in einem Posi­ti­ons­pa­pier eine Zahl von 5.000 Pas­sa­gie­ren pro Kreuz­fahrt­schiff genannt sowie maxi­mal 500 Pas­sa­gie­re in Ark­tis und Ant­ark­tis.

CRUCERO: In der Ant­ark­tis sind es der­zeit nur maxi­mal 200 Pas­sa­gie­re, die gemein­sam an Bord eines Expe­di­ti­ons­schif­fes rei­sen dür­fen.

CLAUDIA MÜLLER: Das stimmt. Ich habe auch zur Zahl 5.000 die Rück­mel­dung erhal­ten, dass das für eini­ge Betrei­ber sogar als zu viel ein­ge­schätzt wird.

„Wir wol­len den Kreuz­fahrt­tou­ris­mus nicht ver­bie­ten. Rich­tig ist aber auch, dass wir zukunfts­fä­hi­ge Lösun­gen für die Bran­che fin­den müssen.“

Clau­dia Müller

CRUCERO: In die­sem Posi­ti­ons­pa­pier haben Sie auch wei­te­re Maß­nah­men for­mu­liert – von Pas­sa­gier-Redu­zie­rung und Rou­ten­an­pas­sung über regel­mä­ßi­ge Gesund­heits­kon­trol­le bis hin zur kon­se­quen­ten Durch­füh­rung von Not­fall­pro­to­kol­len. Sol­len die­se For­de­run­gen an die Kreuz­fahrt­be­trie­be auch nach der Pan­de­mie gelten?

CLAUDIA MÜLLER: Die­se Pan­de­mie, die wir jetzt erle­ben, wird nicht die letz­te gewe­sen sein. Und Aus­brü­che von Noro­vi­rus­in­fek­tio­nen sind ja schon zuvor an Bord von Kreuz­fahrt­schif­fen auf­ge­tre­ten. Eine ver­rin­ger­te Pas­sa­gier­zahl ist ein wesent­li­cher Bau­stein, auch dauerhaft.

CRUCERO: Im Juli hat­ten Sie ein Gespräch mit AIDA-Chef Felix Eich­horn. Haben Sie ihm die­se Über­le­gun­gen auch mitgeteilt?

CLAUDIA MÜLLER: Felix Eich­horn weiß, dass hier neue Lösun­gen gefun­den wer­den müssen.

„Eine ver­rin­ger­te Pas­sa­gier­zahl ist ein wesent­li­cher Bau­stein – auch dauerhaft.“

Clau­dia Müller

CRUCERO: Nach­hal­ti­ger soll auch die Beschäf­ti­gung der Mit­ar­bei­ter an Bord von Kreuz­fahrt­schif­fen wer­den. Was stel­len Sie sich da vor?

CLAUDIA MÜLLER: Die Arbeits­be­din­gun­gen an Bord müs­sen sich ver­bes­sern. Min­dest­stan­dard wären euro­päi­sche Flag­gen­staa­ten, und damit bes­se­re Arbeit­neh­mer­re­ge­lun­gen und Löh­ne für Beschäf­tig­te an Bord von Kreuz­fahrt­schif­fen inter­na­tio­na­ler Ree­de­rei­en.

CRUCERO: Wür­den Sie so weit gehen, ein Betriebs­ver­bot für bestimm­te etwa zu gro­ße oder tech­nisch ver­al­te­te Kreuz­fahrt­schif­fe auszusprechen?

CLAUDIA MÜLLER: Ich den­ke, auch hier greift ein regu­la­to­ri­scher Ansatz. Alte Schif­fe, die nicht umwelt­tech­nisch umge­baut wer­den kön­nen, wer­den ver­mut­lich in Zukunft kei­ne Mög­lich­keit mehr haben, Häfen an vie­len Orten der Welt anzu­fah­ren. Ähn­li­ches könn­te auch für zu gro­ße Kreuz­fahrt­schif­fe gelten.

CRUCERO: Wie sol­len sich Kreuz­fahrt-Kun­den ihrer Mei­nung nach ver­hal­ten, wenn sie in Zukunft auf Schiffs­rei­sen gehen wollen?

CLAUDIA MÜLLER: Sie soll­ten sich infor­mie­ren und auch aktiv an Bord fra­gen, wel­cher Kraft­stoff genutzt wird oder wie Umwelt­schutz­richt­li­ni­en ein­ge­hal­ten und umge­setzt wer­den. Wenn die Ree­de­rei­en wahr­neh­men, dass sich Ihre Kun­den für die­se The­men inter­es­sie­ren, ist der Anreiz höher, hier Din­ge zu ver­än­dern.
Bei Aus­flü­gen soll­ten sich Rei­sen­de inten­si­ver mit der Desti­na­ti­on beschäf­ti­gen und viel­leicht auch mal auf eige­ne Faust auf Ent­de­ckungs­rei­se gehen und ein tie­fes Inter­es­se für die Zie­le der Rei­se ent­wi­ckeln. Das ist jetzt unter den Ein­schrän­kun­gen der Pan­de­mie nicht über­all mög­lich, aber ich glau­be, wer auf Kreuz­fahrt geht, ist neu­gie­rig auf die Län­der, die besucht werden.

CRUCERO: Müss­ten Kun­den auch bereit sein, mehr für die Rei­se zu zahlen?

CLAUDIA MÜLLER: Das Rei­sen mit einem Kreuz­fahrt­schiff wird ver­mut­lich nicht bil­li­ger wer­den. Es muss aber auch nicht zwangs­läu­fig teu­rer wer­den. Die Ent­wick­lung der ver­gan­ge­nen Jah­re hat gezeigt, dass durch neue Tech­no­lo­gien Pro­zes­se güns­ti­ger umge­setzt wer­den konn­ten und so einem grö­ße­ren Publi­kum die Rei­se mit einem Schiff ermög­licht wur­de. Ich kann mir vor­stel­len, dass durch tech­ni­sche Wei­ter­ent­wick­lung und Moder­ni­sie­rung das Rei­sen mit dem Schiff nicht wesent­lich mehr kos­ten muss als heute.

Das Gespräch führ­te Tobi­as Lange-Rüb

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