Der Fragenkatalog des SPIEGEL liest sich streckenweise wie eine Bestandsaufnahme der hartnäckigsten Vorurteile über Kreuzfahrten. Gerade das macht das Gespräch interessant. Wybcke Meier widerspricht, ordnet ein und liefert eine bemerkenswert umfangreiche Sammlung von Gegenargumenten.
Die TUI-Cruises-Chefin erläutert, weshalb das Publikum an Bord vielfältiger ist als gemeinhin angenommen, wie lange Hafenaufenthalte tatsächlich dauern, welche Leistungen im Reisepreis enthalten sind und warum pauschale Vergleiche bei Klima, Steuern oder Arbeitsbedingungen zu kurz greifen.
Nicht jede Antwort kann eine komplexe Debatte abschließend klären. Bei einigen Themen ist die Kritik berechtigt, bei anderen fehlen unabhängige Vergleichsdaten. Wo Aussagen auf Unternehmens- oder Branchenangaben beruhen, weisen wir darauf hin. Dennoch lohnt es sich, Pauschalurteile und belegbare Fakten voneinander zu trennen.
CRUCERO hat deshalb die zehn wichtigsten Kreuzfahrtvorurteile des Interviews herausgearbeitet, Wybcke Meiers Erklärungen zusammengefasst und sie, soweit möglich, um belastbare Fakten ergänzt.
1. „Kreuzfahrtschiffe sind schwimmende Seniorenheime“
Das Bild vom schwimmenden Seniorenheim gehört zu den langlebigsten Kreuzfahrtklischees. Wybcke Meier hält ihm eine vielfältigere Wirklichkeit entgegen: Das Durchschnittsalter bei Mein Schiff liege bei 52 Jahren, schwanke aber stark nach Reisezeit und Route. In den Ferienmonaten sinke es durch viele Familien auf Anfang 40, im Dezember könne es über 60 Jahre liegen.
Auch internationale Marktdaten sprechen gegen eine reine Seniorenveranstaltung. Die Cruise Lines International Association (CLIA), der internationale Verband der Kreuzfahrtindustrie, beziffert das weltweite Durchschnittsalter der Passagiere auf 46,7 Jahre. Besonders stark vertreten sind die Generation X und die Millennials. Rund drei Viertel der Gäste reisen gemeinsam mit Angehörigen mindestens einer weiteren Generation. Die Zahlen haben wir im CRUCERO-Beitrag zum CLIA-Report 2026 aufbereitet.
Ältere Menschen bleiben eine wichtige Gästegruppe. Das Publikum an Bord ist jedoch wesentlich vielfältiger, als das Klischee vermuten lässt.
2. „Bei einem kurzen Landgang sieht man doch nichts vom Land“
Eine Kreuzfahrt ersetzt keine mehrwöchige Rundreise. Hafenaufenthalte sind aber auch nicht grundsätzlich auf wenige oberflächliche Eindrücke begrenzt.
Bei Mein Schiff dauern sie nach Angaben der TUI-Cruises-Chefin meist zehn bis 14 Stunden. In einigen Häfen bleiben die Schiffe über Nacht. Viele Gäste nutzen einen Anlauf als ersten Zugang zu einem Land und kehren später für eine längere Reise zurück.
Das bestätigt die CLIA: Sechs von zehn Kreuzfahrtgästen haben später erneut eine Destination besucht, die sie erstmals während einer Schiffsreise kennengelernt hatten. Die Kreuzfahrt ermöglicht damit einen unkomplizierten ersten Eindruck von mehreren Reisezielen – und kann weitere Reisen anstoßen.
3. „Die Städte haben von Kreuzfahrtgästen doch überhaupt nichts“
Wybcke Meier verweist darauf, dass Gäste an Land essen, einkaufen und Ausflüge buchen. Nach Angaben von TUI Cruises nutzen rund 80 Prozent der Mein-Schiff-Passagiere solche Angebote. Hinzu kommen Hafengebühren, die bei einem mittelgroßen Schiff pro Anlauf etwa 100.000 Euro erreichen können.
Die wirtschaftlichen Effekte reichen weit über den Hafen hinaus. Laut CLIA-Report 2026 verbringen 64 Prozent der Gäste mindestens eine Nacht vor oder nach ihrer Kreuzfahrt in einer Hafenstadt. Weltweit beziffert der Verband den wirtschaftlichen Gesamteffekt der Branche für 2024 auf 198,8 Milliarden US-Dollar und rund 1,8 Millionen Arbeitsplätze.
Ein konkretes Beispiel liefert eine aktuelle Untersuchung zur Kreuzfahrtwirtschaft in Hamburg. Sie ermittelt jährlich rund 1,7 Milliarden Euro Umsatz, 727 Millionen Euro regionale Bruttowertschöpfung und etwa 7.240 zusätzliche Vollzeitstellen. Pro Schiffsanlauf entstehen demnach rund 2,7 Millionen Euro Wertschöpfung; die Passagiere geben durchschnittlich knapp 126 Euro aus.
Nicht jeder Hafen profitiert in gleichem Umfang. Die pauschale Behauptung, Kreuzfahrtgäste brächten den Destinationen wirtschaftlich nichts, ist jedoch nicht haltbar.
4. „Kreuzfahrtschiffe sind schuld am Overtourism“
Wenn mehrere große Schiffe gleichzeitig anlegen, kommen innerhalb kurzer Zeit Tausende Gäste in eine Stadt. Dass dies den Besucherdruck verstärken kann, bestreitet auch Wybcke Meier nicht. Sie widerspricht jedoch der alleinigen Schuldzuweisung an die Kreuzfahrt.
Overtourism entsteht aus mehreren Faktoren: Dazu gehören Ferienwohnungen, konzentrierte Besucherströme, überlastete Verkehrssysteme, steigende Immobilienpreise und ein starkes Nachtleben. Auch die UNESCO beschreibt das Problem entsprechend vielschichtig.
Kreuzfahrtanläufe haben gegenüber vielen anderen Besucherströmen einen entscheidenden Vorteil: Sie sind lange im Voraus bekannt. Mein Schiff plant seine Routen laut Meier rund drei Jahre vorher. Städte können Ankunftszeiten entzerren, Gäste auf weitere Stadtteile und das Umland verteilen oder besonders belastete Orte zeitweise meiden. Wie ein solches Besuchermanagement funktionieren kann, zeigt unter anderem das Beispiel Dubrovnik im Bericht OECD Tourism Trends and Policies 2026.
Kreuzfahrten können Overtourism verstärken. Sie sind aber weder seine einzige Ursache noch grundsätzlich unsteuerbar.
5. „An Bord lauern überall versteckte Kosten“
Ob eine Kreuzfahrt zur Kostenfalle wird, hängt stark vom Preismodell der Reederei ab. Getränke, Trinkgelder, Internet oder Spezialitätenrestaurants sind je nach Anbieter und Tarif enthalten oder kosten extra.
Bei Mein Schiff sei ein vollständiger Urlaub ohne zusätzliche Ausgaben möglich, erklärt die Unternehmenschefin. Zum Konzept gehören zahlreiche Restaurants, mehr als 100 Markengetränke, Entertainment, Trinkgelder sowie Sauna und Fitness. Aufpreise fallen beispielsweise für Massagen, ausgewählte Spezialitätenrestaurants und besondere Weine an.
Die veröffentlichten Premium-Inklusivleistungen von Mein Schiff bestätigen diese Struktur. Auch das im Interview genannte Kaffee-Beispiel ändert daran wenig: Eine Kapsel pro Person und Tag ist in der Kabine inklusive, weitere Kaffeespezialitäten gibt es in Restaurants und Bars ohne Aufpreis.
Auf andere Reedereien lässt sich das Modell nicht übertragen. Vor der Buchung sollte deshalb immer der Gesamtpreis einschließlich Getränken, Trinkgeldern, Restaurants, Internet und Transfers verglichen werden.
6. „Auf Kreuzfahrten geht es doch nur ums Essen und Konsumieren“
Üppige Buffets gehören zu den festen Bildern, mit denen Kreuzfahrten karikiert werden. Wybcke Meier beschreibt dagegen einen normalen Gewöhnungseffekt: In den ersten beiden Tagen probierten die Gäste besonders viele Restaurants und Angebote aus. Vom dritten Tag an normalisiere sich der Konsum.
Auch das klassische Duty-free-Geschäft mit Parfüm und Kosmetik verliere an Bedeutung. Vergleichbare Rabatte seien heute jederzeit online verfügbar. Gefragt seien eher Erinnerungsstücke und Produkte mit direktem Bezug zur Reise.
Essen und Einkaufen gehören zum Angebot, bestimmen aber nicht zwangsläufig den Urlaub. Moderne Schiffe verbinden Gastronomie mit Sport, Kultur, Unterhaltung, Wellness und Aufenthalten an Land.
Einordnung: Unabhängige Zahlen zum durchschnittlichen Lebensmittelkonsum der Mein-Schiff-Gäste sind öffentlich nicht verfügbar. Die Aussage beruht daher auf den betrieblichen Erfahrungen von TUI Cruises.
7. „Kreuzfahrtschiffe sind schwimmende Virenherde“
Wo viele Menschen über mehrere Tage zusammenkommen, können sich Infektionen verbreiten. Das gilt für Schiffe ebenso wie für Hotels, Schulen oder Ferienanlagen.
Wybcke Meier weist jedoch auf einen wichtigen Unterschied hin: Erkrankungen werden an Bord systematisch erfasst, kommuniziert und mit festgelegten Maßnahmen beantwortet. Dadurch sind sie öffentlich stärker sichtbar als Infektionen nach einem Flug oder einem Aufenthalt an Land.
Das Vessel Sanitation Program der US-Gesundheitsbehörde CDC verpflichtet Schiffe in seinem Zuständigkeitsbereich zur fortlaufenden Dokumentation von Magen-Darm-Erkrankungen. Ausbrüche werden in der Regel öffentlich aufgeführt, sobald mindestens drei Prozent der Passagiere oder Crewmitglieder Symptome melden.
Die hohe Sichtbarkeit ist daher nicht automatisch ein Beleg für ein grundsätzlich größeres Risiko. Sie ist auch das Ergebnis eines engmaschigen Kontroll- und Meldesystems.
8. „Das Geschäftsmodell funktioniert nur mit billigen Arbeitskräften“
Der Ausbeutungsvorwurf stützt sich vor allem darauf, dass internationale Crewmitglieder weniger als den deutschen Mindestlohn verdienen. Wybcke Meier weist diesen direkten Vergleich zurück. Die Beschäftigten arbeiteten nach den Regeln der internationalen Seeschifffahrt; auch die Lebenshaltungskosten in ihren Herkunftsländern seien zu berücksichtigen.
Den rechtlichen Rahmen bildet das Seearbeitsübereinkommen der Internationalen Arbeitsorganisation. Es legt Mindeststandards für Verträge, Löhne, Ruhezeiten, Unterkunft, medizinische Versorgung und Beschwerdeverfahren fest. Ob ein Vertrag angemessen ist, muss anhand seiner konkreten Bedingungen beurteilt werden. Ein Gehalt unterhalb des deutschen Mindestlohns ist auf einem internationalen Schiff nicht automatisch rechtswidrig oder ausbeuterisch.
Ein tatsächlich dokumentiertes Risiko liegt an anderer Stelle: bei illegalen Vermittlungsgebühren. In einer Untersuchung des Institute for Human Rights and Business gaben 31 Prozent der befragten Seeleute an, bereits zu einer solchen Zahlung aufgefordert worden zu sein. 74 Prozent der Betroffenen zahlten, vier von fünf meldeten den Vorfall nicht. Hohe Gebühren können Bewerber in eine Schuldenfalle bringen und sie von Agenturen abhängig machen.
Die Untersuchung betrifft die internationale Seefahrt insgesamt und weist keine gesonderten Zahlen für Kreuzfahrtschiffe oder TUI Cruises aus. Sie zeigt aber, warum Reedereien nicht nur kostenlose Bewerbungen zusichern, sondern auch Vermittler und Subagenturen kontrollieren müssen.
9. „Reedereien zahlen praktisch keine Steuern“
Bei der Tonnagesteuer wird der steuerpflichtige Gewinn nicht aus dem tatsächlichen Geschäftsergebnis abgeleitet, sondern anhand von Schiffsgröße und Betriebstagen pauschal berechnet. Das kann zu einer geringeren Belastung führen als die reguläre Gewinnbesteuerung.
Die TUI-Cruises-Chefin verweist darauf, dass dieses Modell nicht eigens für ihr Unternehmen geschaffen wurde. Es wird in zahlreichen europäischen Schifffahrtsstaaten angewendet. Hinzu kommen weitere Steuern sowie wirtschaftliche Effekte und Arbeitsplätze am Unternehmenssitz.
Auch die Europäische Kommission führt die Tonnagesteuer als Bestandteil der europäischen Regeln für die maritime Wirtschaft. Sie soll internationale Wettbewerbsfähigkeit sichern und verhindern, dass Unternehmen und Schiffe in Staaten außerhalb Europas abwandern.
Die Tonnagesteuer ist damit kein heimliches Steuerschlupfloch, sondern ein politisch beschlossenes Sondermodell. Über seine Ausgestaltung kann diskutiert werden; seine Anwendung ist jedoch geltendes Recht.
10. „Kreuzfahrt und Klimaschutz passen grundsätzlich nicht zusammen“
Kreuzfahrtschiffe benötigen Energie und verursachen Treibhausgasemissionen. Diese Kritik lässt sich nicht als bloßes Vorurteil abtun. Verkürzt ist jedoch die Annahme, in der Branche habe sich technisch nichts verändert oder ein Schiff könne allein anhand der Beförderungsleistung mit einem Flugzeug verglichen werden.
Der International Council on Clean Transportation kommt zu dem Ergebnis, dass selbst effiziente Kreuzfahrtschiffe pro Passagierkilometer mehr CO₂ ausstoßen können als Passagierflugzeuge. Meier hält dem entgegen, dass ein Schiff zugleich Verkehrsmittel, Hotel, Restaurant und Freizeitort ist. Bei einem vollständigen Urlaubsvergleich müssten deshalb auch Unterkunft, Verpflegung und Energieverbrauch am Reiseziel einbezogen werden.
TUI Cruises investiert in Landstrom, effizientere Routen, moderne Antriebe und alternative Kraftstoffe. Die Mein Schiff Relax wurde 2025 erstmals mit Bio-LNG betankt. TUI Cruises versorgt beide Schiffe der neuen InTUItion-Klasse nicht nur auf einzelnen Reisen, sondern über ihre gesamten Einsatzsaisons hinweg mit Bio-LNG. Während die Mein Schiff Relax ihre Sommersaison vollständig mit dem erneuerbaren Kraftstoff absolviert, soll die Mein Schiff Flow Bio-LNG auch während ihrer Wintersaison nutzen. Bis 2030 will die TUI Group die absoluten CO₂-Äquivalent-Emissionen ihres Kreuzfahrtgeschäfts gegenüber 2019 um 27,5 Prozent reduzieren. Weitere Angaben finden sich in der Mitteilung zur Bio-LNG-Betankung und im Geschäftsbericht 2025.
Die Branche steht weiterhin vor einer großen Transformationsaufgabe. Die Behauptung, sie ignoriere das Problem oder arbeite ausschließlich mit unveränderter Technik, ist jedoch nicht haltbar. Auch das am 6. August 2026 veröffentlichte NABU-Kreuzfahrtranking zeigt, dass sich die Umweltmaßnahmen der Reedereien inzwischen auszahlen. Bewertet werden unter anderem der Verzicht auf Schweröl, die Nutzung von Landstrom, Abgasnachbehandlung sowie Klima- und Effizienzstrategien. TUI Cruises und AIDA Cruises erreichen im Vergleich der großen internationalen Anbieter erneut gute Positionen, während die norwegischen Unternehmen Havila und Hurtigruten das Ranking anführen, gefolgt von der französischen Reederei Ponant.
Zu berücksichtigen ist, dass die Bewertung auf freiwilligen Angaben der Reedereien beruht und vor allem deren Maßnahmen und Strategien vergleicht. Das Ranking ist daher kein direkter Vergleich der Emissionen einzelner Reisen oder Schiffe. Es bestätigt aber, dass technische Fortschritte und Investitionen messbare Erfolge zeigen.
Argumente statt Rechtfertigung
Wer Kreuzfahrten mag, muss sich erstaunlich oft dafür rechtfertigen – im Freundeskreis, unter Kollegen oder gegenüber erklärten Gegnern dieser Reiseform. Dabei werden meist dieselben Vorwürfe wiederholt: zu alt, zu teuer, zu oberflächlich, zu umweltschädlich. Das SPIEGEL-Interview mit Wybcke Meier hat diese Klischees nahezu vollständig versammelt. Die Antworten der TUI-Cruises-Chefin und die ergänzenden Fakten zeigen: Viele pauschale Urteile halten einer genaueren Betrachtung nicht stand. Andere benennen berechtigte Herausforderungen, lassen aber entscheidende Zusammenhänge und Fortschritte außer Acht. Kreuzfahrten müssen deshalb weder vorbehaltlos verteidigt noch reflexhaft verurteilt werden.
Mit diesen zehn Punkten liegt eine kompakte Sammlung belastbarer Gegenargumente vor – für alle, die in der nächsten Diskussion nicht mit einem bloßen „Ich reise eben gern so“ antworten möchten.















