Nach dem SPIE­GEL-Inter­view mit Wyb­cke Mei­er: Zehn Kreuz­fahrt-Vor­ur­tei­le im Fak­ten­check

In Ausgabe 30/2026 führt DER SPIEGEL ein lesenswertes Interview mit Wybcke Meier. Die Vorsitzende der Geschäftsführung von TUI Cruises antwortet präzise und weicht auch schwierigen Themen nicht aus. Die Redaktion konnte es sich allerdings nicht nehmen, dabei nahezu jedes gängige Kreuzfahrtklischee aufzurufen. CRUCERO nimmt das zum Anlass für einen Faktencheck.

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Der Fra­gen­ka­ta­log des SPIEGEL liest sich stre­cken­wei­se wie eine Bestands­auf­nah­me der hart­nä­ckigs­ten Vor­ur­tei­le über Kreuz­fahr­ten. Gera­de das macht das Gespräch inter­es­sant. Wyb­cke Mei­er wider­spricht, ord­net ein und lie­fert eine bemer­kens­wert umfang­rei­che Samm­lung von Gegen­ar­gu­men­ten.

Die TUI-Crui­ses-Che­fin erläu­tert, wes­halb das Publi­kum an Bord viel­fäl­ti­ger ist als gemein­hin ange­nom­men, wie lan­ge Hafen­auf­ent­hal­te tat­säch­lich dau­ern, wel­che Leis­tun­gen im Rei­se­preis ent­hal­ten sind und war­um pau­scha­le Ver­glei­che bei Kli­ma, Steu­ern oder Arbeits­be­din­gun­gen zu kurz grei­fen.

Nicht jede Ant­wort kann eine kom­ple­xe Debat­te abschlie­ßend klä­ren. Bei eini­gen The­men ist die Kri­tik berech­tigt, bei ande­ren feh­len unab­hän­gi­ge Ver­gleichs­da­ten. Wo Aus­sa­gen auf Unter­neh­mens- oder Bran­chen­an­ga­ben beru­hen, wei­sen wir dar­auf hin. Den­noch lohnt es sich, Pau­schal­ur­tei­le und beleg­ba­re Fak­ten von­ein­an­der zu tren­nen.

CRUCERO hat des­halb die zehn wich­tigs­ten Kreuz­fahrt­vor­ur­tei­le des Inter­views her­aus­ge­ar­bei­tet, Wyb­cke Mei­ers Erklä­run­gen zusam­men­ge­fasst und sie, soweit mög­lich, um belast­ba­re Fak­ten ergänzt.

1. „Kreuz­fahrt­schif­fe sind schwim­men­de Senio­ren­hei­me“

Das Bild vom schwim­men­den Senio­ren­heim gehört zu den lang­le­bigs­ten Kreuz­fahrt­kli­schees. Wyb­cke Mei­er hält ihm eine viel­fäl­ti­ge­re Wirk­lich­keit ent­ge­gen: Das Durch­schnitts­al­ter bei Mein Schiff lie­ge bei 52 Jah­ren, schwan­ke aber stark nach Rei­se­zeit und Rou­te. In den Feri­en­mo­na­ten sin­ke es durch vie­le Fami­li­en auf Anfang 40, im Dezem­ber kön­ne es über 60 Jah­re lie­gen.

Auch inter­na­tio­na­le Markt­da­ten spre­chen gegen eine rei­ne Senio­ren­ver­an­stal­tung. Die Crui­se Lines Inter­na­tio­nal Asso­cia­ti­on (CLIA), der inter­na­tio­na­le Ver­band der Kreuz­fahrt­in­dus­trie, bezif­fert das welt­wei­te Durch­schnitts­al­ter der Pas­sa­gie­re auf 46,7 Jah­re. Beson­ders stark ver­tre­ten sind die Gene­ra­ti­on X und die Mil­len­ni­als. Rund drei Vier­tel der Gäs­te rei­sen gemein­sam mit Ange­hö­ri­gen min­des­tens einer wei­te­ren Gene­ra­ti­on. Die Zah­len haben wir im CRU­CE­RO-Bei­trag zum CLIA-Report 2026 auf­be­rei­tet.

Älte­re Men­schen blei­ben eine wich­ti­ge Gäs­teg­rup­pe. Das Publi­kum an Bord ist jedoch wesent­lich viel­fäl­ti­ger, als das Kli­schee ver­mu­ten lässt.

2. „Bei einem kur­zen Land­gang sieht man doch nichts vom Land“

Eine Kreuz­fahrt ersetzt kei­ne mehr­wö­chi­ge Rund­rei­se. Hafen­auf­ent­hal­te sind aber auch nicht grund­sätz­lich auf weni­ge ober­fläch­li­che Ein­drü­cke begrenzt.

Bei Mein Schiff dau­ern sie nach Anga­ben der TUI-Crui­ses-Che­fin meist zehn bis 14 Stun­den. In eini­gen Häfen blei­ben die Schif­fe über Nacht. Vie­le Gäs­te nut­zen einen Anlauf als ers­ten Zugang zu einem Land und keh­ren spä­ter für eine län­ge­re Rei­se zurück.

Das bestä­tigt die CLIA: Sechs von zehn Kreuz­fahrt­gäs­ten haben spä­ter erneut eine Desti­na­ti­on besucht, die sie erst­mals wäh­rend einer Schiffs­rei­se ken­nen­ge­lernt hat­ten. Die Kreuz­fahrt ermög­licht damit einen unkom­pli­zier­ten ers­ten Ein­druck von meh­re­ren Rei­se­zie­len – und kann wei­te­re Rei­sen ansto­ßen.

3. „Die Städ­te haben von Kreuz­fahrt­gäs­ten doch über­haupt nichts“

Wyb­cke Mei­er ver­weist dar­auf, dass Gäs­te an Land essen, ein­kau­fen und Aus­flü­ge buchen. Nach Anga­ben von TUI Crui­ses nut­zen rund 80 Pro­zent der Mein-Schiff-Pas­sa­gie­re sol­che Ange­bo­te. Hin­zu kom­men Hafen­ge­büh­ren, die bei einem mit­tel­gro­ßen Schiff pro Anlauf etwa 100.000 Euro errei­chen kön­nen.

Die wirt­schaft­li­chen Effek­te rei­chen weit über den Hafen hin­aus. Laut CLIA-Report 2026 ver­brin­gen 64 Pro­zent der Gäs­te min­des­tens eine Nacht vor oder nach ihrer Kreuz­fahrt in einer Hafen­stadt. Welt­weit bezif­fert der Ver­band den wirt­schaft­li­chen Gesamt­ef­fekt der Bran­che für 2024 auf 198,8 Mil­li­ar­den US-Dol­lar und rund 1,8 Mil­lio­nen Arbeits­plät­ze.

Ein kon­kre­tes Bei­spiel lie­fert eine aktu­el­le Unter­su­chung zur Kreuz­fahrt­wirt­schaft in Ham­burg. Sie ermit­telt jähr­lich rund 1,7 Mil­li­ar­den Euro Umsatz, 727 Mil­lio­nen Euro regio­na­le Brut­to­wert­schöp­fung und etwa 7.240 zusätz­li­che Voll­zeit­stel­len. Pro Schiffs­an­lauf ent­ste­hen dem­nach rund 2,7 Mil­lio­nen Euro Wert­schöp­fung; die Pas­sa­gie­re geben durch­schnitt­lich knapp 126 Euro aus.

Nicht jeder Hafen pro­fi­tiert in glei­chem Umfang. Die pau­scha­le Behaup­tung, Kreuz­fahrt­gäs­te bräch­ten den Desti­na­tio­nen wirt­schaft­lich nichts, ist jedoch nicht halt­bar.

4. „Kreuz­fahrt­schif­fe sind schuld am Over­tou­rism“

Wenn meh­re­re gro­ße Schif­fe gleich­zei­tig anle­gen, kom­men inner­halb kur­zer Zeit Tau­sen­de Gäs­te in eine Stadt. Dass dies den Besu­cher­druck ver­stär­ken kann, bestrei­tet auch Wyb­cke Mei­er nicht. Sie wider­spricht jedoch der allei­ni­gen Schuld­zu­wei­sung an die Kreuz­fahrt.

Over­tou­rism ent­steht aus meh­re­ren Fak­to­ren: Dazu gehö­ren Feri­en­woh­nun­gen, kon­zen­trier­te Besu­cher­strö­me, über­las­te­te Ver­kehrs­sys­te­me, stei­gen­de Immo­bi­li­en­prei­se und ein star­kes Nacht­le­ben. Auch die UNESCO beschreibt das Pro­blem ent­spre­chend viel­schich­tig.

Kreuz­fahrt­an­läu­fe haben gegen­über vie­len ande­ren Besu­cher­strö­men einen ent­schei­den­den Vor­teil: Sie sind lan­ge im Vor­aus bekannt. Mein Schiff plant sei­ne Rou­ten laut Mei­er rund drei Jah­re vor­her. Städ­te kön­nen Ankunfts­zei­ten ent­zer­ren, Gäs­te auf wei­te­re Stadt­tei­le und das Umland ver­tei­len oder beson­ders belas­te­te Orte zeit­wei­se mei­den. Wie ein sol­ches Besu­cher­ma­nage­ment funk­tio­nie­ren kann, zeigt unter ande­rem das Bei­spiel Dubrov­nik im Bericht OECD Tou­rism Trends and Poli­ci­es 2026.

Kreuz­fahr­ten kön­nen Over­tou­rism ver­stär­ken. Sie sind aber weder sei­ne ein­zi­ge Ursa­che noch grund­sätz­lich unsteu­er­bar.

5. „An Bord lau­ern über­all ver­steck­te Kos­ten“

Ob eine Kreuz­fahrt zur Kos­ten­fal­le wird, hängt stark vom Preis­mo­dell der Ree­de­rei ab. Geträn­ke, Trink­gel­der, Inter­net oder Spe­zia­li­tä­ten­re­stau­rants sind je nach Anbie­ter und Tarif ent­hal­ten oder kos­ten extra.

Bei Mein Schiff sei ein voll­stän­di­ger Urlaub ohne zusätz­li­che Aus­ga­ben mög­lich, erklärt die Unter­neh­mens­chefin. Zum Kon­zept gehö­ren zahl­rei­che Restau­rants, mehr als 100 Mar­ken­ge­trän­ke, Enter­tain­ment, Trink­gel­der sowie Sau­na und Fit­ness. Auf­prei­se fal­len bei­spiels­wei­se für Mas­sa­gen, aus­ge­wähl­te Spe­zia­li­tä­ten­re­stau­rants und beson­de­re Wei­ne an.

Die ver­öf­fent­lich­ten Pre­mi­um-Inklu­siv­leis­tun­gen von Mein Schiff bestä­ti­gen die­se Struk­tur. Auch das im Inter­view genann­te Kaf­fee-Bei­spiel ändert dar­an wenig: Eine Kap­sel pro Per­son und Tag ist in der Kabi­ne inklu­si­ve, wei­te­re Kaf­fee­spe­zia­li­tä­ten gibt es in Restau­rants und Bars ohne Auf­preis.

Auf ande­re Ree­de­rei­en lässt sich das Modell nicht über­tra­gen. Vor der Buchung soll­te des­halb immer der Gesamt­preis ein­schließ­lich Geträn­ken, Trink­gel­dern, Restau­rants, Inter­net und Trans­fers ver­gli­chen wer­den.

6. „Auf Kreuz­fahr­ten geht es doch nur ums Essen und Kon­su­mie­ren“

Üppi­ge Buf­fets gehö­ren zu den fes­ten Bil­dern, mit denen Kreuz­fahr­ten kari­kiert wer­den. Wyb­cke Mei­er beschreibt dage­gen einen nor­ma­len Gewöh­nungs­ef­fekt: In den ers­ten bei­den Tagen pro­bier­ten die Gäs­te beson­ders vie­le Restau­rants und Ange­bo­te aus. Vom drit­ten Tag an nor­ma­li­sie­re sich der Kon­sum.

Auch das klas­si­sche Duty-free-Geschäft mit Par­füm und Kos­me­tik ver­lie­re an Bedeu­tung. Ver­gleich­ba­re Rabat­te sei­en heu­te jeder­zeit online ver­füg­bar. Gefragt sei­en eher Erin­ne­rungs­stü­cke und Pro­duk­te mit direk­tem Bezug zur Rei­se.

Essen und Ein­kau­fen gehö­ren zum Ange­bot, bestim­men aber nicht zwangs­läu­fig den Urlaub. Moder­ne Schif­fe ver­bin­den Gas­tro­no­mie mit Sport, Kul­tur, Unter­hal­tung, Well­ness und Auf­ent­hal­ten an Land.

Ein­ord­nung: Unab­hän­gi­ge Zah­len zum durch­schnitt­li­chen Lebens­mit­tel­kon­sum der Mein-Schiff-Gäs­te sind öffent­lich nicht ver­füg­bar. Die Aus­sa­ge beruht daher auf den betrieb­li­chen Erfah­run­gen von TUI Crui­ses.

7. „Kreuz­fahrt­schif­fe sind schwim­men­de Viren­her­de“

Wo vie­le Men­schen über meh­re­re Tage zusam­men­kom­men, kön­nen sich Infek­tio­nen ver­brei­ten. Das gilt für Schif­fe eben­so wie für Hotels, Schu­len oder Feri­en­an­la­gen.

Wyb­cke Mei­er weist jedoch auf einen wich­ti­gen Unter­schied hin: Erkran­kun­gen wer­den an Bord sys­te­ma­tisch erfasst, kom­mu­ni­ziert und mit fest­ge­leg­ten Maß­nah­men beant­wor­tet. Dadurch sind sie öffent­lich stär­ker sicht­bar als Infek­tio­nen nach einem Flug oder einem Auf­ent­halt an Land.

Das Ves­sel Sani­ta­ti­on Pro­gram der US-Gesund­heits­be­hör­de CDC ver­pflich­tet Schif­fe in sei­nem Zustän­dig­keits­be­reich zur fort­lau­fen­den Doku­men­ta­ti­on von Magen-Darm-Erkran­kun­gen. Aus­brü­che wer­den in der Regel öffent­lich auf­ge­führt, sobald min­des­tens drei Pro­zent der Pas­sa­gie­re oder Crew­mit­glie­der Sym­pto­me mel­den.

Die hohe Sicht­bar­keit ist daher nicht auto­ma­tisch ein Beleg für ein grund­sätz­lich grö­ße­res Risi­ko. Sie ist auch das Ergeb­nis eines eng­ma­schi­gen Kon­troll- und Mel­de­sys­tems.

8. „Das Geschäfts­mo­dell funk­tio­niert nur mit bil­li­gen Arbeits­kräf­ten“

Der Aus­beu­tungs­vor­wurf stützt sich vor allem dar­auf, dass inter­na­tio­na­le Crew­mit­glie­der weni­ger als den deut­schen Min­dest­lohn ver­die­nen. Wyb­cke Mei­er weist die­sen direk­ten Ver­gleich zurück. Die Beschäf­tig­ten arbei­te­ten nach den Regeln der inter­na­tio­na­len See­schiff­fahrt; auch die Lebens­hal­tungs­kos­ten in ihren Her­kunfts­län­dern sei­en zu berück­sich­ti­gen.

Den recht­li­chen Rah­men bil­det das See­ar­beits­über­ein­kom­men der Inter­na­tio­na­len Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­on. Es legt Min­dest­stan­dards für Ver­trä­ge, Löh­ne, Ruhe­zei­ten, Unter­kunft, medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung und Beschwer­de­ver­fah­ren fest. Ob ein Ver­trag ange­mes­sen ist, muss anhand sei­ner kon­kre­ten Bedin­gun­gen beur­teilt wer­den. Ein Gehalt unter­halb des deut­schen Min­dest­lohns ist auf einem inter­na­tio­na­len Schiff nicht auto­ma­tisch rechts­wid­rig oder aus­beu­te­risch.

Ein tat­säch­lich doku­men­tier­tes Risi­ko liegt an ande­rer Stel­le: bei ille­ga­len Ver­mitt­lungs­ge­büh­ren. In einer Unter­su­chung des Insti­tu­te for Human Rights and Busi­ness gaben 31 Pro­zent der befrag­ten See­leu­te an, bereits zu einer sol­chen Zah­lung auf­ge­for­dert wor­den zu sein. 74 Pro­zent der Betrof­fe­nen zahl­ten, vier von fünf mel­de­ten den Vor­fall nicht. Hohe Gebüh­ren kön­nen Bewer­ber in eine Schul­den­fal­le brin­gen und sie von Agen­tu­ren abhän­gig machen.

Die Unter­su­chung betrifft die inter­na­tio­na­le See­fahrt ins­ge­samt und weist kei­ne geson­der­ten Zah­len für Kreuz­fahrt­schif­fe oder TUI Crui­ses aus. Sie zeigt aber, war­um Ree­de­rei­en nicht nur kos­ten­lo­se Bewer­bun­gen zusi­chern, son­dern auch Ver­mitt­ler und Sub­agen­tu­ren kon­trol­lie­ren müs­sen.

9. „Ree­de­rei­en zah­len prak­tisch kei­ne Steu­ern“

Bei der Ton­na­ge­steu­er wird der steu­er­pflich­ti­ge Gewinn nicht aus dem tat­säch­li­chen Geschäfts­er­geb­nis abge­lei­tet, son­dern anhand von Schiffs­grö­ße und Betriebs­ta­gen pau­schal berech­net. Das kann zu einer gerin­ge­ren Belas­tung füh­ren als die regu­lä­re Gewinn­be­steue­rung.

Die TUI-Crui­ses-Che­fin ver­weist dar­auf, dass die­ses Modell nicht eigens für ihr Unter­neh­men geschaf­fen wur­de. Es wird in zahl­rei­chen euro­päi­schen Schiff­fahrts­staa­ten ange­wen­det. Hin­zu kom­men wei­te­re Steu­ern sowie wirt­schaft­li­che Effek­te und Arbeits­plät­ze am Unter­neh­mens­sitz.

Auch die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on führt die Ton­na­ge­steu­er als Bestand­teil der euro­päi­schen Regeln für die mari­ti­me Wirt­schaft. Sie soll inter­na­tio­na­le Wett­be­werbs­fä­hig­keit sichern und ver­hin­dern, dass Unter­neh­men und Schif­fe in Staa­ten außer­halb Euro­pas abwan­dern.

Die Ton­na­ge­steu­er ist damit kein heim­li­ches Steu­er­schlupf­loch, son­dern ein poli­tisch beschlos­se­nes Son­der­mo­dell. Über sei­ne Aus­ge­stal­tung kann dis­ku­tiert wer­den; sei­ne Anwen­dung ist jedoch gel­ten­des Recht.

10. „Kreuz­fahrt und Kli­ma­schutz pas­sen grund­sätz­lich nicht zusam­men“

Kreuz­fahrt­schif­fe benö­ti­gen Ener­gie und ver­ur­sa­chen Treib­haus­gas­emis­sio­nen. Die­se Kri­tik lässt sich nicht als blo­ßes Vor­ur­teil abtun. Ver­kürzt ist jedoch die Annah­me, in der Bran­che habe sich tech­nisch nichts ver­än­dert oder ein Schiff kön­ne allein anhand der Beför­de­rungs­leis­tung mit einem Flug­zeug ver­gli­chen wer­den.

Der Inter­na­tio­nal Coun­cil on Clean Trans­por­ta­ti­on kommt zu dem Ergeb­nis, dass selbst effi­zi­en­te Kreuz­fahrt­schif­fe pro Pas­sa­gier­ki­lo­me­ter mehr CO₂ aus­sto­ßen kön­nen als Pas­sa­gier­flug­zeu­ge. Mei­er hält dem ent­ge­gen, dass ein Schiff zugleich Ver­kehrs­mit­tel, Hotel, Restau­rant und Frei­zeit­ort ist. Bei einem voll­stän­di­gen Urlaubs­ver­gleich müss­ten des­halb auch Unter­kunft, Ver­pfle­gung und Ener­gie­ver­brauch am Rei­se­ziel ein­be­zo­gen wer­den.

TUI Crui­ses inves­tiert in Land­strom, effi­zi­en­te­re Rou­ten, moder­ne Antrie­be und alter­na­ti­ve Kraft­stof­fe. Die Mein Schiff Relax wur­de 2025 erst­mals mit Bio-LNG betankt. TUI Crui­ses ver­sorgt bei­de Schif­fe der neu­en InTUI­ti­on-Klas­se nicht nur auf ein­zel­nen Rei­sen, son­dern über ihre gesam­ten Ein­satz­sai­sons hin­weg mit Bio-LNG. Wäh­rend die Mein Schiff Relax ihre Som­mer­sai­son voll­stän­dig mit dem erneu­er­ba­ren Kraft­stoff absol­viert, soll die Mein Schiff Flow Bio-LNG auch wäh­rend ihrer Win­ter­sai­son nut­zen. Bis 2030 will die TUI Group die abso­lu­ten CO₂-Äqui­va­lent-Emis­sio­nen ihres Kreuz­fahrt­ge­schäfts gegen­über 2019 um 27,5 Pro­zent redu­zie­ren. Wei­te­re Anga­ben fin­den sich in der Mit­tei­lung zur Bio-LNG-Betan­kung und im Geschäfts­be­richt 2025.

Die Bran­che steht wei­ter­hin vor einer gro­ßen Trans­for­ma­ti­ons­auf­ga­be. Die Behaup­tung, sie igno­rie­re das Pro­blem oder arbei­te aus­schließ­lich mit unver­än­der­ter Tech­nik, ist jedoch nicht halt­bar. Auch das am 6. August 2026 ver­öf­fent­lich­te NABU-Kreuz­fahr­t­ran­king zeigt, dass sich die Umwelt­maß­nah­men der Ree­de­rei­en inzwi­schen aus­zah­len. Bewer­tet wer­den unter ande­rem der Ver­zicht auf Schwer­öl, die Nut­zung von Land­strom, Abgas­nach­be­hand­lung sowie Kli­ma- und Effi­zi­enz­stra­te­gien. TUI Crui­ses und AIDA Crui­ses errei­chen im Ver­gleich der gro­ßen inter­na­tio­na­len Anbie­ter erneut gute Posi­tio­nen, wäh­rend die nor­we­gi­schen Unter­neh­men Havila und Hur­tig­ru­ten das Ran­king anfüh­ren, gefolgt von der fran­zö­si­schen Ree­de­rei Ponant.

Zu berück­sich­ti­gen ist, dass die Bewer­tung auf frei­wil­li­gen Anga­ben der Ree­de­rei­en beruht und vor allem deren Maß­nah­men und Stra­te­gien ver­gleicht. Das Ran­king ist daher kein direk­ter Ver­gleich der Emis­sio­nen ein­zel­ner Rei­sen oder Schif­fe. Es bestä­tigt aber, dass tech­ni­sche Fort­schrit­te und Inves­ti­tio­nen mess­ba­re Erfol­ge zei­gen.

Argu­men­te statt Recht­fer­ti­gung

Wer Kreuz­fahr­ten mag, muss sich erstaun­lich oft dafür recht­fer­ti­gen – im Freun­des­kreis, unter Kol­le­gen oder gegen­über erklär­ten Geg­nern die­ser Rei­se­form. Dabei wer­den meist die­sel­ben Vor­wür­fe wie­der­holt: zu alt, zu teu­er, zu ober­fläch­lich, zu umwelt­schäd­lich. Das SPIE­GEL-Inter­view mit Wyb­cke Mei­er hat die­se Kli­schees nahe­zu voll­stän­dig ver­sam­melt. Die Ant­wor­ten der TUI-Crui­ses-Che­fin und die ergän­zen­den Fak­ten zei­gen: Vie­le pau­scha­le Urtei­le hal­ten einer genaue­ren Betrach­tung nicht stand. Ande­re benen­nen berech­tig­te Her­aus­for­de­run­gen, las­sen aber ent­schei­den­de Zusam­men­hän­ge und Fort­schrit­te außer Acht. Kreuz­fahr­ten müs­sen des­halb weder vor­be­halt­los ver­tei­digt noch reflex­haft ver­ur­teilt wer­den.

Mit die­sen zehn Punk­ten liegt eine kom­pak­te Samm­lung belast­ba­rer Gegen­ar­gu­men­te vor – für alle, die in der nächs­ten Dis­kus­si­on nicht mit einem blo­ßen „Ich rei­se eben gern so“ ant­wor­ten möch­ten.

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